Wolfram - Impressionen aus dem weißen Haus

Wolfram (DD) @, Dresden, Montag, 16. November 2009, 22:33 (vor 2926 Tagen) @ KAtharina

Den folgenden Artikel habe ich an das Krankenhaus geschickt - er wurde dort auch so veröffentlicht.

IMPRESSIONEN aus dem „weißen“ Haus

Die Gelegenheit, die Welt aus überwiegend waagerechter Perspektive betrachten zu können, bietet sich manchmal schneller, als man denkt! Manchmal ist das jedoch auch planbar!
Zum 11. Februar 2003 erhielt ich von der Uni-Augenklinik wieder einmal eine Einladung. Der Terminus ist medizinisch nicht ganz korrekt; denn auf dem Zettel stand „EINWEISUNG“
Der nun folgende Ablauf ist mir nicht ganz fremd, da ich schon oft Gast auf einer der Stationen des Hauses 18 dürfen sein mußte.

Als erstes fiel auf, daß die Station nicht mehr „18 C“ – sondern jetzt „AUG S2“heißt. Auch sonst gab es Neuerungen. Die Aufregungen, die wohl im Normalfall mit dem Einleben in einer solchen Einrichtung verbunden sind, lassen diese Neuerungen nur vielfach nicht gleich ins Bewußtsein durch...

Umfangreiches Baugeschehen – teils noch „Restarbeiten“ und Folgen des vorjährigen Hochwassers, welches die Uniklinik auch massiv heimgesucht hatte – teils Neu- oder Umbauten – lassen das Bild quasi täglich verändern. Auf dem Wege zur Anmeldung fielen also nicht nur aufgebuddelte Straßen, sondern auch z.B. das neue „Seelsorgezentrum“ auf.

Nach der Zuweisung eines Bettes die nächste Neuerung: Telefon am Bett! Allerdings mit den leider typischen Gebühren. Aber trotzdem ein Fortschritt. Wer eine – aus welchen Gründen auch immer - ärztlich verordnete Bettruhe verpaßt bekommt, weiß von der Unmöglichkeit des Erreichens des Telefons bestenfalls im Treppenhaus zu berichten.

Weiterhin ein neuer Aufzug! Nicht mehr das nach Fett und Öl „duftende“ Lastenhebegerät, zu dem auf der Station jeweils nur eine Person den Schlüssel hatte und mit dem man am OP-Tag nicht nur aus Angst schlotternd in das EG = OP gefahren wurde.

Die Einrichtung zur Entrichtung der Notdurft ist (noch) nicht verändert. Der Einbau von Sanitärzellen dürfte auch im Hinblick auf Platz, Kosten und Bausubstanz nicht ganz einfach sein. --- Aber: der nächtlich kühle Wind, der einen beim „Vorgang“ über den Hintern streicht, ist zuweilen nicht so ganz angenehm und verleitet wohl einige temporäre Benutzer, die Tätigkeit dahingehend abzukürzen, daß sie Zielversuche im Stehen machen, die auf Grund der fehlenden Sehkraft einfach scheitern müssen...
Der Nächstbenutzer ist nun – symptombedingt - auch optisch nicht imstande, die „Lage“ zu bemerken und trägt alsbald unangenehme Befeuchtungen an Stellen mit sich fort, die eigentlich besser trocken sein sollten......... Aber das (im wahrsten Sinne des Wortes) nur am Rande.

Ich traf wunderbare und nette Schwestern wieder, die ständig bemüht sind, den Patienten den Aufenthalt so beschwerdefrei wie möglich zu machen, ich traf Patienten, die das nicht begreifen wollten, weil sie einfach ständig herumkritteln wollten oder mußten. Ich traf wunderbare Ärzte, die den Menschen im Patienten sahen und ihn auch – trotz aller mißlichen Erscheinun-gen, die gewisse Hierarchien leider mit sich bringen – so behandeln.
Ich traf Patienten, die sich ihrem Schicksal ergeben hatten und solche, die in der Lage sind, sich selbst und andere auf die Schippe zu nehmen (wer schon einmal in der „Vorbereitung“ vor dem OP gelegen hat, weiß zumindest letztere partiell zu schätzen...)
Ich traf einen neu organisierten Stationsablauf, bei dem als erstes wohltuend auffiel, daß sich nicht mehr 3 Ärzte mit jeweils 1 Patienten im Untersuchungsraum drängeln mußten – was für beide nicht die schönsten Bedingungen gewesen sein dürften.
Ich traf leider auch einige Patienten wieder, die ich von vergangenen „Einliegezeiten“ schon kannte – wir „erkannten" uns aber größtenteils noch, was hier im optischen Sinne gemeint ist; wissend der Tatsache, daß dieser Prozeß schleichend schlechter wird.

Ich kam dieses Mal um die oben beschriebene Aufzugs-Fahrt im OP-Outfit herum; aber ich weiß, daß ich nicht das letzte Mal Gast auf dieser Station war...


Es ist mir einerseits ein Bedürfnis, all denen zu danken, die mir – auf welche Art auch immer – in dieser Zeit geholfen haben und es gewiß weiter tun werden;

Andererseits möchte ich aber auch einen Appell an alle richten:
Tun wir etwas, daß Ärzte, Schwestern und Pfleger nicht zu juristisch-neutralen Dienstleistern degenerieren, tun wir etwas, daß das Portemonnaie nicht zum primär zu therapierenden Organ des Patienten wird.
Wir können es noch – jeder für sich – ob medizinisches Personal oder Patient!

Danke!

--
herzliche Grüße aus Dresden
Wolfram


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